07.09.16 14:18:20 [(Master)Print-Artikel 'Lucas_ONK_0709' - NOZ Produktion | Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG | ON am Mittwoch | ON Gesamt | Kultu

Honig im Kopf, Seele entflammt Uraufführung: „Lucas and Time“ über Sein, Zeit und die Kraft des Erzählens

Von Werner Hülsmann

Osnabrück (ON) – Theater. Modernes Theater. Keine Zumutung, aber ein Stück, das dem Zuschauer etwas zumutet; besser gesagt, etwas zutraut. Das ist ein fast schwebender Free Jazz der Worte, Pingpong der Emotionen – eine gewisse Assoziationsbereitschaft sollte man mitbringen. Nach 62 Minuten ist alles vor- bei, die Uraufführung „Lucas and Time“ pulsiert datenbefreit zwischen Dasein, Dialog, Demenz und Dilemma.

Das Stück würde gut ins ex- perimentierfreudige Festival „Spieltriebe“ passen, das Emma-Theater ist der ideale Spiel- ort. Ein explosives Zirkeltrai- ning für die Gehirnzellen. Felicitas Braun hat diese rasante, aber keineswegs leicht zu fassende Stunde inszeniert(...) Das poeti- sche Stück über Sein, Zeit und die weltenschaffende Kraft des Erzählens stammt von der Griechin Niki Orfanou, Jahrgang 1977. Getragen wird der Text von zwei wirklich großartigen Schauspielerinnenm – die faszinierende Bühnenpräsenz von Monika Vivell wird hier einmal mehr bestätigt, Elaine Cameron, neu im Ensemble, agiert mit nuancier- tem Spiel auf Augenhöhe.

Lucas ist der kleine Junge, der versucht, seinem Vater zu entkommen und in dem Spuk- haus nebenan verschwindet. Er spielt die zentrale Rolle in Geschichten, die zwei Frauen einander erzählen, um dem Fluss der Zeit etwas für sich zu entreißen: eine Erinnerung, eine Erfindung, eine Begierde. (...)

 

Wer ist dieser Lucas? Diese Frage ist eindeutig der rote Faden, der durch die sieben Szenen des Stücks führt. Antwort? Nee, da irrt man durch das Labyrinth, Lucas ist eine von den Personen mit Sprache und An- deutungen gefüllte Leerstelle. Abwesend und anwesend – das Leben ist immer wieder auf dem Prüfstand, gerne legt man es sich auch zurecht, wie man es gerade braucht. Oder? Wir erzählen und erfinden uns täglich immer wieder neu, je nach den Anforderungen der aktuellen Situation

Nicht nur die Identität des abwesenden Lucas wird offen- gehalten, auch die der beiden Frauen, die auf der Bühne in verschiedene Charaktere schlüpfen, munter Zeitebenen und sogar untereinander die Perspektive wechseln. Sie erzählen von einem Picknick mit Lucas, ihrem Geliebten, erinnern sich an Lucas, ihren kleinen Bruder und wie er im Märchen von ihrem bösen, alkoholisierten Vater gejagt wurde. Albträume und Wünsche – Lucas ist ein Samenkorn, das in jeder Szene keimen kann.

„Er ist eine abwesende Figur, ein Mechanismus, um eine Erzählung zu konstruieren, und ein Katapult für die Vorstellungskraft“, sagt Autorin Niki Orfanou. Die Inspiration für den Namen habe sie aus aus dem Gedicht „Besuch“ von Ted Hughes.

In der fulminanten Schluss-Szene, wo sich ein Parallelslalom entfesselter Stimmen (die beiden Darstellerinnen mit einer atemlosen Punktlandung ohne Netz und Boden) um ein Feuer entlädt, löst sich dentität gänzlich auf – gemeinsam er-wartet man wohl einen Gastgeber, der natürlich auch Lucas sein könnte. Honig im Kopf, das Ticken der Uhr, Regentropfen ... Nichts ist für die Ewigkeit. Das Leben – alles offen?

 

 

 

 

70 Minuten, die sich lohnen

Intensive Urauführung im Emma-Theater: „Lucas and Time“

Begeisterten Applaus hat die Uraufführung von „Lucas and Time“ im Emma-Theater geerntet. Großartig dabei: Die beiden Darstellerinnen Elaine Cameron und Monika Vivell.

Wer ist dieser Lucas? Die Frage bleibt ungeklärt. Vermutlich hatte die junge Regisseurin Felicitas Braun bei ihrer ersten Inszenierung am Theater Osnabrück auch gar nicht im Sinn, Antworten zu geben. Sie überlässt es bei der Uraufführung des Stückes „Lucas and Time“ der griechischen Autorin Niki Orfanou im Emma-Theater dem Zuschauer selbst, sich seine Gedanken zu machen. Und sie hat ihren beiden Darstellerinnen Raum zur Entfaltung gegeben. 

Die neu verpflichtete Elaine Cameron gibt damit einen hervorragenden Einstand. Und Monika Vivell zeigt, wie vielfältig und überzeugend sie auf der Bühne gestaltet. Die beiden schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen von der jungen Frau bis zur dementen Alten, von 40er-Jahre-Sektretärinnen, die mit mörderischen High Heels überdrehter Haartolle und schrill ausladendem Rock (Kostüme: Aleksandra Kica) über die Bühne stöckeln, bis zu Krankenschwestern. Und immer im Hintergrund: Lucas. Eine Projektion, eine Fantasie, eine Figur, die ihre Konturen verändert, je nach dem, welche Frau gerade von ihm erzählt. Er dämmert mal als lässige Lover auf, mal als fahle Erinnung, mal als verschreckter Junge, der vor einem strengen Vater durch den Garten flüchtet - aber richtig greifbar wird er nie.

 

Timo von Kriegstein hat dazu die Bühne mit ein paar wenigen Accessoires ausgestattet: Zwei alte Reiseschreibmaschinen, ein paar Stühle, eine Gespinst aus Wäscheleinen. In verlockendem goldenen Licht aber steht hinten ein Kokon aus alten, nackten Federmatrazen: Bettengruft für die demente Alten und Schminkzimmer für die schrillen Sekretärinnen.

Orfanous Stück wirft dabei eher Schlaglichter, als dass es eine stringende Schichte erzählt. Motive scheinen auf und verdämmern wieder, Passagen werden wörtlich und varriert wiederholt und verleiht den sieben Szenen damit Struktur und Form: Der Rahmen, den die Regisseurin und vor allem die beiden Darstellerinnen fantastisch füllen. Sie erzeugen Beklemmung und legen grotesken Humor an den Tag, entwerfen surreale Bilder und solche von kalter Realität. Zudem spielen Cameron und Vivell mit mitreißender Energie, legen zum Beispiel ein furioses Finale hin, in dem sie den Text zu einer Art homophoner Mehrstimmigkeit auffächern. Dem Premierenpublikum war davon begeistert, bestätigen müssen sich Inszenierung und Stück freilich in den weiteren Aufführungen. Aber die rasanten 70 Minuten lohnen sich. 

 

(Ralf Döring, Neue Osnabrücker Zeitung)