Miss Piggy im Kugelhagel

 

von Harff-Peter Schönherr http://www.taz.de/!5532856/

 

Felicitas Braun macht aus Elfriede Jelineks Anti-Trump-Zornrede „Am Königsweg“ in Osnabrück einen klugen, skurril überspitzten Theaterabend.

 

OSNABRÜCK taz | Es gibt Inszenierungen, die sperren dich aus. Schon drei Viertelstunden rum, und du weißt immer noch nicht, was das Ganze soll? Furchtbar.

 

Felicitas Brauns soghaft leichthändige, sprechend ver­spielte Adaption von Elfriede Jelineks handkantenharter Anti-Trump-Zornesrede „Am Königsweg“ ist das genaue Gegenteil davon: Keine drei Minuten sind in der eigens für die Osnabrücker Aufführung auf gut anderthalb Stunden eingedampften Fassung vorüber, dann ist die Sache klar: Ein skurril überspitzter, ebenso bitterernster wie hochkomischer Abend liegt vor uns, gut anderthalb Stunden voller hellsichtiger Klugheit und abgedrehter Schauwerte.

 

Kermit der Frosch taucht auf und kräht irgendwas über Jelinek selbst. Miss Piggy tastet sich rein, angeblich so blind, wie Orakel es nun mal sind. In Videos posieren affektierte Upper-Class-Golfer auf übergrünen Greens. In einer Tribüne, an der alles Fake ist, vom Teppich in Holzoptik bis zur Pflanze in Plastik, geht immer mal wieder eine Klappe auf: für einen cholerischen Dino; für einen plüschigen Igel, der was von „dunklen Kräften“ piepst; für den Røm-Pøm-Pøm-Pøm-Koch, der signalisiert: Trump? Den habt ihr euch selbst eingebrockt! Nun löffelt die Suppe aus, so eklig sie auch schmeckt!

 

Ein Bühnengeschehen, das auf Symbolismus setzt, von den Muppets bis zum Mobiliar. Rechts eine Edel-Sitzgruppe, auf der psychoanalysiert wird. Links ein News-Desk, der so schnell zerfällt wie die Wahrheit, die niemand mehr kennt.

 

Ein Trommelfeuer an Regieeinfällen, optisch, gedanklich und technisch allesamt grandios. Oft ist es schwer, bei dieser Atemlosigkeit mit dem Dechiffrieren mitzuhalten

 

Nicht lange und Stefan Haschke als The Donald himself stolziert raus, mit Edelsteinkrone und Hermelinmantel, mit Glitzeruhr und Glitzerschuhen, Golfschläger als Zepter, der „Blinde unter Blinden, von sich selbst geblendet“. Erst trägt er Maske, später wird er enttarnt. Zwischendrin baumelt sein Riesengemächt fast bis zum Boden.

 

Schräg ist all das, schrill. Aber Jelinek rechnet so schonungslos mit Trump ab, mit seiner Egomanie und seinen Lügengespinsten, seiner Machtgeilheit und Reichtumsprotzerei, seiner Amoralität und Klientelpolitik, dass das Lachen gefriert. Es geht um seine Schuldenberge und phallischen Immobilien, seine Hetze und Gold-Obsession, sein Frauenbild. Verstörende Bilder kommen da heraus.

 

Einmal schüttet Trump sich Wasser über den Kopf, zu zuckenden Blitzen und Regenrauschen – klar, der angeblich so sonnige Tag seiner Amtseinführung. Einmal fährt Miss Piggy mit einem Teil des News-Desks über die Bühne – klar, Melissa McCarthy alias Trump-Pressesprecher Sean Spicer, die in Saturday Night Live das White House-Rednerpult zwischen die Reporter rammt. Wiedererkennungseffekte, jeder ein satter Wirkungstreffer.

 

Ein Trommelfeuer an Regieeinfällen, optisch, gedanklich und technisch allesamt grandios. Oft ist es schwer, bei dieser Atemlosigkeit mit dem Dechiffrieren mitzuhalten: Hier eine Konfettibombe, da ein Nebelmeer; hier ein zerfallendes Kartenspiel, da ein Livevideo, mit einer zusätzlichen Realitätsebene. Irrwitzig schnelle Orts-, Kostüm- und Rollenwechsel. Sprechend, all das, perfekt durchdacht. Aber schweißtreibend. Wie das gesamte Phänomen Trump.

 

Wann war das noch, als diese Sturmgewehrsalve Miss Piggy niedermäht? Wann kamen nochmal diese drei Typen, an- und ineinandergewachsen, mit ihrem Song, dass Krüppel was Rührendes haben? Vor der Umbaupause? Danach? Man weiß es nachher kaum mehr, aber das ist nicht schlimm. Das Gesamtbild zählt, und das ist stark.

 

Apropos Pause. Das Publikum bleibt dabei im Saal: „Schauen wir den Arbeitern beim Arbeiten zu!“ Die Holzteppich-Tribüne wird demontiert. Auf den Monitoren sehen wir, wie die Darsteller neu geschminkt werden, sich umziehen. Ein Slum-Ölfass wird reingerollt, für die Obdachlosenszene, die gleich kommt – natürlich geht die Trump-Welt gehörig den Bach runter.

 

Alles sprechend, alles Symbol. Christina Dom trottet minutenlang immer in die Runde, treppauf, treppab. Auch Katharina Kessler und Monika Vivell, übersät mit Blutergüssen und Wunden, erstarren in Zwangshandlungen. Abraham opfert (fast) Isaak. Wild ist das, seltsam, mutig. Die Spielzeit ist erst ein paar Tage alt. Aber es wird schwer sein, in ihr Timo von Kriegsteins „Königsweg“-Bühnenbild zu toppen, Aleksandra Kicas Kostüme.

 

Was bleibt? Sätze wie: „Die Worte sind aufgebraucht, es herrschen die Aufgebrachten!“ Hoffentlich tun sie das nicht mehr lange.

 

Nächste Aufführungen

 

Di, 4.9., 19.30 Uhr, Osnabrück, Emma-Theater (Restkarten). Weitere Aufführungen: 11./14./16./18./21./26.9. + 4./27.10.

 

 

 


Inszenierung von Jelineks „Am Königsweg“ imponiert

 

Von Christine Adam, NOZ

 

Osnabrück. Einhellige Begeisterung im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück: Felicitas Brauns so intelligente wie quicklebendige Lesart von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ kam beim Premierenpublikum gut an.

 

Eine Flut von detailverliebten, auch gern mal prunkvollen Kostümen, eine aufwendig gestaltete Bühne mit integrierter Kasperlebühne im Holztreppenaufbau: So viel Futter fürs Auge ist der Theaterbesucher gar nicht mehr gewohnt. Aleksandra Kica (Kostüme) und Timo von Kriegenstein (Bühne) haben nichts ausgelassen, um Elfriede Jelineks Textfläche aussagekräftig zu bebildern.

 

Reim auf Ungereimtes

 

Schließlich geht es ja in "Am Königsweg" um das Reich eines blinden Königs, in dem es vor ungereimten Wahrheiten nur so wimmelt. Elfriede Jelinek versucht sich in ihrem bewährten Schreibverfahren dennoch einen Reim darauf zu machen. Sie erklärt die Geburtsstunde des Königs aus aufgestautem Hasspotenzial und Misstrauen. „Und wenn die Menschen daraus schöpfen, entsteht ein neues Geschöpf, entsteht der König, der auf Gewalttätigkeiten seiner Nachbarn jederzeit vorbereitet ist.“ Donald Trump ist gemeint, auch wenn sein Name im Stück nicht fällt.

 

Jelinek pflügt in Wortfeldern, hangelt sich an ähnlich klingenden Begriffen entlang und untersucht Assoziationsketten auf ihre Stichhaltigkeit. Das hat etwas Bestechendes, vor allem, wenn die Wahrheit und Warenwelt nach so ähnlich käuflichen Regeln funktionieren wie in unseren Tagen. Verbissen ernst scheint sich die Österreicherin dabei nicht zu nehmen, wenn sie im Stück von sich sagt „Jelinek jallert“.

 

In der Tat, die Osnabrücker Fassung, die sich das Regieteam um Felicitas Braun erarbeitet hat, strotzt wie der Text vor temporeicher Verspieltheit beim Ausstoß schmerzlicher Erkenntnisse. Etwa wenn es vom Opfer so scharfsichtig heißt, dass es eine soziale Funktion habe, weil es die ganze Gesellschaft vor ihrer eigenen Gewalt schütze.

 

Die vier einander in Spielpower und Textbeherrschung staunenswert ebenbürtigen Schauspieler Christina Dom, Stefan Haschke Katharina Kessler als Neue im Ensemble und Monika Vivell jallern gekonnt mit Jelinek. Sie hüpfen beim Sprechen, bis ihnen die Puste ausgeht. Sie albern, singen wunderschön mehrstimmig provokante Lieder, lassen einen winzigen Handpuppenigel weise Worte sprechen oder verkörpern Figuren wie den Frosch Kermit oder Miss Piggy aus der Muppet-Show, auf die Jelinek für die Bühnenumsetzung ihres Textes besteht.

 

Große Spiellust

 

Das Team hat mit spürbarer Spiel- und Erkenntnislust Jelineks Einfälle in eine blitzsaubere Bebilderung umgesetzt. So sehen die vier Schauspieler am Ende wortwörtlich wie mit Blindheit geschlagen aus, wenn sie mit schrecklichen Platzwunden im Gesicht und blauen Flecken an den Beinen auftreten. Denn Jelineks König ist ein „blinder Blender“, letztlich ohne Weltanschauung, weil er ja nichts mehr anschauen kann.

 

Am allerbesten, weil sie so klug und präzise formuliert, bringt Christina Dom die virtuosen Sprachspiele über die Rampe. Sie spielt denn auch die Autorin selbst mit typischer Tolle und selbstironischem Lamento über das komplette Versagen ihrer „gesammelten Anklagen“ – weil ihr keiner je zugehört habe. Da haben wir nun den Salat – und einen hinreißenden Theaterabend dazu, der, um es mit Jelinek und ihr zum Trost zu sagen, „das Denken anspornt“.