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„Die lächerliche Finsternis“ Am Ufer des Hindukusch

Zwischen Kalauern und Kitsch wird sehr sehenswert das ganz Große verhandelt: „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz am Staatstheater Wiesbaden.

12.01.2015, von Eva-Maria Magel

Das Grauen verkleidet sich zumeist grotesk und lustig. Bisweilen sogar tatsächlich lächerlich, in kitschigen Anflügen. Hauptfeldwebel Pellinger (Christian Erdt) und der Gefreite Stefan Dorsch (Ulrich Rechenbach) sind in Afghanistan unterwegs, um den Deserteur Deutinger zu finden (Benjamin Krämer-Jenster), der zwei Kameraden getötet haben soll. Sie paddeln auf dem Hindukusch. Der ist ein Fluss, klar, denn nur wir kriegsfernen Fernseh- und Internetjunkies glauben ja, was man uns so vormacht. Dass der Hindukusch ein Gebirge sei, zum Beispiel. Pellner aber, der war dabei. Und weiß: Hindukusch, das ist ein wilder Fluss mitten im Regenwald Afghanistans. Kichern. Und so paddelt uns Wolfram Lotz eindreiviertel Stunden lang zwischen Joseph Conrads „Heart of Darkness“ und Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ auf den Wogen echten Elends und echt falscher Bilder bräsiger Westeuropäer, auf literarischen Versatzstücken, Filmzitaten und vor allem mit allen Wassern des Theaters gewaschen diesen Strom aufwärts, bis zu einem bitteren Ende.

Der Titel hält, was er verspricht

Das ist ein lustiges, dessen Pulverdampf aber einem noch nachhängt, wenn man das Theater verlässt. Und das ist schon ziemlich viel in einem Gewerbe, in dem es wenig neue Texte gibt, die etwas wagen. Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ ist fast schon anmaßend mit dieser Art, in Bruchstücken, zwischen Kalauern und Kitsch das ganz Große zu verhandeln, die Frage danach, wie es sich in dieser verdammten Welt denn aushalten lasse.

Dazwischen werden Eier gebraten und Lippenbären geknutscht, was Schauspielerin Kruna Savić ebenso virtuos erzählt wie den Monolog des somalischen Piraten Michael Ultimo Pussi zu Beginn. Womit Felicitas Braun auch das Thema erledigt, das der Text anschneidet: Ob in all diesen Geschichten vom Kampf denn keine Frauen mitspielten? Doch, eine schon. Ansonsten aber spielen vor allem Erdt und Rechenbach so, dass das winzige Studio sich zur Riesenbühne zu weiten scheint, und das fast ohne Utensilien. Ein uralter Campingwagen und ein paar Einspieler (Bühne und Kostüme Sonja Böhm, Videos Moritz Grewenig) genügen.

Man wird eben durch genau das geführt, was der Titel verspricht: Es ist finster, und es ist lächerlich. Und ausgesprochen sehenswert.

 

 

 

 

 

 

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Sterne aus Leuchtspurmunition

 Von Sylvia Staude

Wolfram Lotz’ Hörspiel „Die lächerliche Finsternis“, in Wiesbaden gar nicht zögerlich auf die Bühne gebracht.

Mit dem Grauen im Theater und in der Wirklichkeit beschäftigt sich – unter vielem anderen – Wolfram Lotz’ Stück „Die lächerliche Finsternis“: Im Theater können die gerade Erschossenen wieder aufstehen und von der Bühne gehen, in der Wirklichkeit ... Höchstens kleine Kinder verwechseln die Ebenen; in Wiesbaden kommt zuletzt eines auf die Bühne, reizend unaufgeregt lässt es sich fallen, liegt still, steht wieder auf.

Auf Wiesbadens kleiner Studiobühne versuchen Regisseurin Felicitas Braun und Bühnen-/Kostümbildnerin Sonja Böhm klugerweise gar nicht, das dunkel Zusammengedichtete plausibler zu machen. Das Boot von Pellner und seinem Untergebenen Dorsch ist eine Kreuzung aus Wohnwagen und Zelt. Der Lippenbär geistert herum (mit Bärenkopf: Kruna Savic, die auch Pirat Ultimo Pussi mit Stöckelschuhen und Ohrringen ist). Ein Prediger (Benjamin Krämer-Jenster) tritt als Dragqueen für Arme auf. „es gibt keinen Grund, mir das zu glauben“, schreibt Lotz in einer Art Theater-Manifest, „also tut es trotzdem!“ Man tut es trotzdem.




 

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Staatstheater Wiesbaden: »Die lächerliche Finsternis«

On 29. Januar 2015, Katrin Swoboda

Vom Grauen auf der Welt

Selbst der Autor mischt sich ein, um eine seiner Figuren zur Räson zu bringen, und seine Mutter moniert, dass in diesem Stück wieder mal Frauen fehlen.
Vielleicht hat dieser Einwurf die Regisseurin ja bewogen, die Rolle des Pussi mit Kruna Savic  zu besetzen, die in roten Keilabsatzschuhen als femininen, und im grauen Arbeitsanzug als maskulinem Attribut vollkommen überzeugt. Gut gemacht auch, wie die Lichtregie das Publikum durch seine in den Gerichtssaal projizierte Schatten zu Beteiligten der globalen Ausbeutung macht. Wunderbar, in diesem mit vier Personen in  wechselnden Rollen bestrittenen Stück, wie der Ex-Frankfurter Christian Erdt als schneidiger Hauptfeldwebel Fellner seinen noch weichen, aber bemühten jungen Untergebenen Stefan Dorsch (mit tollem gestischen Spiel: Ulrich Rechenbach) zurechtzustutzen weiß, und Benjamin Jenster-Krämer, von der Sprachvirtuosität des Autors unterstützt, eine regelrechte Freakshow von Kriegsversehrten veranstaltet.
Eine karge Bühne und die feine Idee, einen Uralt-Campingwagen als Boot, Haus, Versteck zu nutzen, sind die Basis für die reibungslosen schnellen Verwandlungen des prima aufgelegten Quartetts. Schön überdies, dass die Technik auf jeglichen Schnickschnack verzichtet. Man verlässt das Theater beglückt und doch sehr nachdenklich. Und möchte alle reinschicken.

 

 



http://www.wiesbadener-kurier.de/lokales/kultur/lokale-kultur/die-laecherliche-finsternis-von-wolfram-lotz-feiert-im-studio-premiere_14919430.htm

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz feiert im Studio Premiere

Von Viola Bolduan

 

WIESBADEN - Das Rührei ist real. Die aufgeschlagenen und gebrutzelten Eier sind als Klebstoff ein geeignetes Angebot ans Publikum zur Premiere des Stücks „Die lächerliche Finsternis“ Samstagabend im Studio. Autor Wolfram Lotz wird im Moment in Wien, Berlin, Hamburg und Essen gespielt – nicht, weil der Hörspieltext so gut spielbar wäre, sondern er auf dem Theater dessen Grenzen aufzeigt; seine Möglichkeiten auch, weshalb Regisseurin Felicitas Braun mit Ausstatterin Sonja Böhm fantasievollen Witz aufwenden, um dem Wahnsinnstrip einer Bootsfahrt hinein in die Wälder von Afghanistan eine Fassung zu geben. Denn die Textfassung selbst springt – von der erzählten Rückschau in die Spielhandlung, aus der Spielsituation in die Selbstbetrachtung und auf der messerscharfen Schneide des Zweifels. Recht hat die Pfanne mit dem Ei, recht hat auch die Mutter des Autors: Es kommen ja gar keine Frauen vor! Auf dieser Höllenfahrt männlicher Fantasien von Abenteuer und Risiko, gleich: Gewalt und Geschäft, mit dem Resultat: Angst vor Leere und Finsternis. Und also spielt dann doch eine Frau mit.

Kruna Savic ist – stark auf jeden Fall – der diplomierte somalische Pirat auf rothackigen Schuhen, dessen persönliche Geschichte die Bundeswehr-Expedition auf dem afghanischen Fluss nur insoweit berührt, als Hauptfeldwebel Pellner ihn zum Schluss erschießt

Auf nackter Bühne (wo auch Figuren sich aus- und wieder anziehen müssen) steht als Metapher fürs Boot „Hoffnung“ hoffnungslos ein Campingwagen mit Blattgrün für Urwald, aber echtem Kocher fürs Rührei (s. o.). Das zynisch freundliche Angebot eines verzweifelt witzigen und traurigen Stücks über die Unmöglichkeit, die Wirklichkeit in einen Text und/oder auf eine Bühne zu bringen. So wenig lächerlich wie die Finsternis ist die Widersprüchlichkeit der Welt. Viel Applaus für ein mutiges Team.